Riesenbeck: André Thieme ist Europameister

Was für ein Krimi im Parcours! Im Kampf um die Einzelmedaillen wurden die Rangierungen mächtig durcheinander gewirbelt. Hohe Favoriten stürzten von den Podestplätzen, andere kletterten unaufhaltsam an die Spitze. Zu jenen gehörte André Thieme. Nach einem guten Zeitspringen und zwei fehlerfreien Runden im Nationenpreis meisterten er und die brandenburgische Stute Chakaria auch den ersten Umlauf der Finalentscheidung ohne Fehl und Tadel und starteten mit nur 2,84 Strafpunkten in die alles entscheidende Runde. Thieme hätte sich sogar noch einen Abwuurf erlauben können, ohne seinen Sieg zu gefährden, denn auch Titelverteidiger Martin Fuchs und sein Wallach Leone Jei hatten an einem Hindernis gepatzt. Thieme und Chakaria begannen souverän, aber an Hindernis fünf fiel die Stange. Das gut gefüllte Stadion auf der Anlage „Riesenbeck International“ hielt die Luft an. Bleibt es bei diesem einen Abwurf? Ja, Thieme behielt die Nerven und steuerte die zehn Jahre alte Stute besonnen und konzentriert über die Ziellinie. Sein erstes Championat für Deutschland hatte dem dreimaligen Sieger im Deutschen Spring-Derby seine erste Medaille beschert, und sogar die goldene. Der Mecklenburger rang nach Worten, konnte sein Glück kaum fassen.

Seiner Medaillensammlung fügte der Schweizer Martin Fuchs eine weitere hinzu. Der Vize-Weltmeister von 2018, Europameister von 2019, frisch gebackener Mannschafts-Europameister und nun Vize-Champion musste zwar gerade das sportliche Aus seines Erfolgspartners Clooney verarbeiten, aber mit dem neun Jahre alten niederländischen Schimmel Leone Jei verfügt er über ein weiteres Pferd für allergrößte Aufgaben.

Der Schwede Peder Fredricson komplettierte das Podium. Der Olympia-Zweite hatte allerdings nicht seinen Tokio-Partner All In mit nach Riesenbeck gebracht, sondern den 15 Jahre schwedischen Schimmel Catch Me Not. Dem Schweden hatten viele Beobachter den EM-Sieg zugetraut, so souverän wie er sich die Woche über in den Riesenbecker Parcours präsentiert hatte. Fünf Fehlerpunkte im finalen Umlauf machten die Goldträume zunichte.

Den vierten Platz bekleidete Christian Kukuk mit dem imposanten belgischen Schimmelhengst Mumbai, einem Sohn des Diamant de Semilly. Der Bereiter im Stall Beerbaum hatte sich auf dem riesigen Rasenplatz seines Arbeitgebers prächtig geschlagen. In den fünf Parcours bilanzierte er nur zwei Abwürfe, ansonsten hatte der Schimmel keine Mühe mit den anspruchsvollen, aber von Frank Rothenberger fair gebauten Parcours.

Schrecksekunden für David Will: Auf dem Abreiteplatz hatte sein zehn Jahre alter Holsteiner C-Vier (v. Cardento) den Absprung vor einem Hindernis nicht richtig getroffen, sprang in den Oxer hinein und stürzte ¬– mit ihm David Will. Aber beide kamen unverletzt und mit einem Schrecken davon. Will ritt zwar ein, aber bei dem Pferd, vielleicht auch beim Reiter, war die Luft raus: Acht Fehlerpunkte ließen ihn auf Platz sieben zurückfallen. Für Marcus Ehning lief es in Riesenbeck nicht gut. Schon im Zeitspringen hatte sein Oldenburger Hengst Stargold zwei Abwürfe kassiert und beendete auch den ersten Umlauf des Finales mit acht Fehlerpunkten. Ehning beendete die EM mit Platz 19.

Ein unschönes Ende nahm das Championat für die griechische „Heldin“ Ioli Mytilineou. Fast niemand kannte die 24-Jährige, die in Belgien lebt. Zwar hatte sie schon an Nachwuchs-Europameisterschaften teilgenommen, aber unter „ferner liefen“ abgeschnitten. Meist startete sie in Belgien, in Deutschland sah man sie nur äußerst selten. Die junge Frau saß auf einem Pferd, um das sie wahrscheinlich jeder beneidet. Der zehnjährige belgische Hengst Levis de Muze, seit 2018 bei der Griechin, ist nicht nur bildschön, sondern spielt geradezu mit den Hindernissen, als ob er L-Stilspringen zu absolvieren hat. Ioli Mytilineou begeisterte zudem mit einem feinen Reitstil. Die beiden sind einfach eine Augenweide. Ludger Beerbaum sagte im Interview: „Da lacht das Herz, wenn man die beiden sieht.“ Als einziges Paar waren die beiden fehlerfrei durch alle Parcours gekommen, doch beim letzten Durchgang verweigerte der Dunkelbraune vor der Dreifachen Kombination, weil der Abstand nicht gepasst hatte. Die Griechin nahm noch einen Gehorsamkeitssprung und gab auf. Die richtige Entscheidung. Das Publikum feierte sie – als Europameisterin der Herzen.

 

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