Neuer Tag, neues Glück für Ingrid Klimke und den westfälischen Hengst Vayron (sorry für den Hannoveraner vorgestern), die als allererstes Paar ins Viereck mussten. Es lagen Welten zwischen dem Pferd von Mittwoch und heute. Keine Treckerspuren, von denen heimtückische Attacken zu befürchten waren. Konzentriert schwebte der braune Riese ins Viereck, die Noten schnellten bis mehr als 76 Prozent. Dann wendete Ingrid zu den Zweierwechseln ab, nach zwei Wechseln ertönte das Richterglöckchen. Verritten!! Erst kamen die Traversalen dran. Ich wundere mich ja immer, wie sich die Reiter die Abfolge derselben Lektionen, nur je nach Aufgabe in anderer Reihenfolge, merken können. Reiten ist eben auch Kopfarbeit! Das war teuer, zwei Prozent Abzug vom Gesamtergebnis, am Ende 71,389.
Die Strafe wurde von der FEI angehoben, nachdem sich 2013 bei der EM in Herning alle drei Medaillenaspiranten verritten hatten und das mit lediglich 01, Prozent pro Richter geahndet wurde. Da muss eine schärfere Sanktion her, beschloss man im Weltverband. Bis auf das Verreiten und eine missglückte Pirouette gelang das Special gut, Ingrid fährt auf jeden Fall mit einem guten Gefühl nach Hause. In der Kür wird sie voraussichtlich nicht mehr dabei sein, denn nur drei Reiter pro Nation dürfen starten. Ingrids treuester Fan, ihre Mutter Ruth Klimke, wie immer todschick, diesmal mit dem blauen Hermes-Tuch, das es als Sonderausgabe bei den Weltreiterspielen in Aachen 2006 gegeben hatte, war ebenfalls erleichtert, dass es diesmal so viel besser geklappt hat als im Grand Prix. Und natürlich Ingrids neuer Freund Stefan, Journalist bei den Westfälischen Nachrichten. „Hat aber nichts mit Pferden zu tun“, verriet mir Ruth Klimke. Ab Montag werden in Münster die Umzugskartons gepackt, Ingrid zieht mit ihren Pferden von der einen Seite Münsters auf die andere, auf die Privatanlage der Familie Jankord-Pöppelmann, wo sie 13 Paddockboxen gemietet hat. Zwei Kinder der Familie reiten Vielseitigkeit, passt ja. Und der Bauer nebenan hat auf seinem Maisfeld auch schon eine Spur außen rum frei gemacht, als Galoppierbahn.
Gestern Abend trafen sich etwas ermattet Presse und Aktive zur abendlichen Siegerpressekonferenz, um die Medaillenträger zu feiern. In der Mitte die deutschen Reiter mit der Goldmedaille um den Hals, die 26. seit Bestehen des Championats 1965. Es war knapp, nur 2,8 Prozent Vorsprung und im Rennsport würde man sagen, eine Nasenlänge vorn. Erst nachdem die Britin Lotti Fry und ihr imponierender Rapphengst Glamourdale nicht wie erwartet ablieferten, stand fest, dass es reichen würde. Die Piaffe war ja noch nie eine Stärke und hinzu kamen ein paar Fehler. Und der starke Galopp, für den das Paar früher Szenenapplaus bekommen hat, war auch sehr von dieser Welt. Der deutsche Sieg ist unter anderem deswegen bemerkenswert, weil er ohne die Olympiasiegerin Jessica von Bredow-Werndl, eine sichere Punktesammlerin, errungen wurde, während die Briten mit ihrem kompletten Pariser Silberteam antraten. „Wir dürfen uns aber auf dieser Medaille nicht ausruhen“, mahnte Isabell Werth und forderte eine intensive Förderung der Nachwuchsreiter. Denn in den nachrückenden Reihen deutscher Dressurtalente sieht es eher dünn aus.
Am meisten strahlte Katharina Hemmer, mit Denoix beim ersten Mal dabei und gleich Europameister. Noch mehr strahlte ihr Chef und Trainer Hubertus Schmidt, aber der musste sich erstmal von dem Nervenstress erholen. Isabell und Wendy holten am Ende die Kohlen aus dem Feuer mit einem soliden Ritt ohne Fehler, mit sehr guten Piaffen und Passagen, aber noch durchaus Luft nach oben für die kommenden beiden Einzelentscheidungen Grand Prix Special und Kür am Sonntag. „Ich habe nicht auf Sparflamme geritten, sondern schon was riskiert, ohne zu überdrehen. Das gehört sich auch so, wenn man für die Mannschaft reitet und jeder Punkt zählt,“ sagte sie. Mit 79,224 Punkten wurde sie Zweite hinter der Dänin Cathrine Laudrup-Dufour auf Freestyle (80,823). Ebenfalls eine solide Vorstellung, aber mit kleinen Unebenheiten lieferte Frederic Wandres, Mannschaftsolympiasieger von Paris, auf dem eleganten Oldenburger Bluetooth ab. Wandres war zufrieden. „Bluetooth ist kein Pferd, das Neunen und Zehnen einsammelt, aber eben auch keine Sechsen. Da waren ein paar Sachen, die können wir noch besser.“ Das will er heute und Sonntag zeigen.
Heute, am Tag des Special, soll es voll werden, aber diese kleinen Tribünen, kaum größer als bei uns auf einem mittleren nationalen Turnier, sind ja schnell voll. Wir wurden ermahnt, uns nur dahin zu setzen, wo wir hingehören, auf die Pressetribüne. Dort sieht man gut, abgesehen davon, dass das Richterhäuschen genau vor unserer Nase ist und man nur vermuten kann, was der Reiter bei X gerade treibt. Wie immer bei solchen Events, hat sich nach zwei Tagen alles eingespielt, man kennt die Shuttlefahrer, die meist Fahrerinnen sind, und ich habe mir angewöhnt, auf jeden Golfcart zu springen, der mit der Nase in der richtigen Richtung stehe, egal ob da Presse dransteht oder nicht. Klappt wunderbar, die Leute sind oberfreundlich und überhaupt sind die Franzosen doch etwas flexibler als anderswo.
Herausragende Reiterin im Grand Prix war die Dänin Cathrine Laudrup-Dufour auf der 16-jährigen Freestyle, die mit 80,823 Prozent den Grand Prix gewann und nun als Favoritin für die beiden Einzeltitel gilt. Die Stute wurde bekanntlich früher von Charlotte Dujardin, der Olympiasiegerin 2012 und 2016, geritten, und nach Dänemark verkauft, noch bevor Dujardin wegen eines Videos, auf dem sie ein Pferd verprügelt, für ein Jahr gesperrt wurde. Losgelassen, aufmerksam und vertrauensvoll, auch in den schwierigsten Lektionen – keinem Pferd sah man in Crozet lieber zu als Freestyle. Sie habe die letzten Monate nur wenige Turniere geritten, sagte Laudrup-Dufour, auch das CHIO Aachen ließ sie ausfallen. Aus gutem Grund: Ihre Ehefrau Rasmine Laudrup brachte kurz danach ihr erstes Kind zu Welt. Das wollte sie nicht verpassen. Aachen will sie nachholen, nächstes Jahr bei der Weltmeisterschaft.